© jürg schoop Das Leben anderer Menschen interessiert mich im  allgemeinen herzlich wenig. Auch wenn es sich um illustre  Zeitgenossen, wie etwa Mick Jagger oder den Fussballer  des Jahres handelt: niemals würde ich freiwillig eine Auto-  oder sonstige Biografie dieser Leute lesen. Trotzdem darf  ich mich zu den Informierten zählen, da sie regelmässig,  für mich überflüssig,  in TV und Zeitungen erwähnt werden.   Anfangs der 60-er-Jahre, als noch richtige Bücher und  Verlage gab, begründete Rowohlt die Reihe „rowohlts  monografien“g, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.  Mensch, da konnte man die grossen Kaliber, die ans Herz  Gewachsenen unmittelbar kennenlernen.  Ich hielt die  kleinen, unscheinbaren Bändchen nach der letzten Zügelei  wieder einmal in den Händen. Die Dichter der Kindheit und  Jugend: Voran Karl May, dessen Leben ja so  geheimnisumwittert war, den ich immer noch für einen  grossartigen  Schriftsteller halte, dessen Niveau von nicht  einmal 20% der heutigen Vielschreiber erreicht wird. Dann  die andern, späteren, auch menschlich interessanten, -   Baudelaire, Apollinaire, Lorca, Rilke natürlich und  Dostojewski, Henry Miller, von dem ich alles gelesen hatte,  der sozusagen der Karl May des Sexualismus war. Von  Musil und Poe hatte ich wenig gelesen, aber, aber ihre  Biografie interessierte mich anscheinend. Musil war lange  hoch im Kurs und ein Freund erzählte mir dauernd von  ihm. Bei de Sade interessierte mich vor allem das  Weltverständnis, das dahinter stand, als Schriftsteller fand  ich ihn nicht so aufregend. Von den Künstlern  interessierten mich nur Max Ernst und Kurt Schwitters  besonders, ich kannte sie ja mehr oder weniger alle aus  andern Quellen, die Protagonisten der Moderne. Der Band  über Bach ersparte ich mir, da gibt es nichts mehr zu  sagen nach der Musik. Er soll auch ein eher unauffälliges  Leben geführt haben. Über Debussy, der einer der  autonomsten Komponisten aller Zeiten ist, wollte ich alles  wissen. (Schon der Vergleich mit Richard Wagner bringt  mich auf die Palme.) Wie auch über Brahms, der aus einer  Tiefe sprach, wie sie nur noch Charlie Parker, Coltrane  oder eine Janis Joplin und ein Jimi Hendrix erreichte.  Wieso ich den Band über Bartok kaufte, kann ich mir so  erklären, dass er neben Strawinskij zu den ersten  Erfahrungen moderner Musik gehörte. Sehr viele Bände  über Philosophen waren bis 1970 nicht herausgekommen.  Wieso ich ausgerechnet den Band über den Im 16.Jh.  geborenen Theosophen Jakob Böhme erstanden habe, ist  nur noch zu vermuten. Vielleicht, weil er, wie Egon Friedell  sagte, „wie keiner das Prinzip der Widersprüchlichkeit der  Welt und des Menschen, so bohrend durchdacht und so  allseitig beleuchtet hat“g. Sicher fiel dieser Kauf noch in die  Phase meiner Suche nach dem Tiefgründigen. Jetzt ist mir  eingefallen, dass da auch noch der Band über Kierkegaard  irgendwo herumsteht.   Ich hatte sicher mehr denn 10 Jahre keine Biografie mehr  gelesen, als wir nach einer Fahrt in fremdem Land anfang  dieses Jahrhunderts zur Vorweihnachtszeit in Ravensburg  landeten. Geschäftiger Markt beherrschte die Strasse und  ich stellte fest, dass in einem herrschaftlichen Haus ein  Büchermarkt eingerichtet war. Da konnte ich natürlich nicht  widerstehen, schaute mir die Sache an und entdeckte die  von der Stadtbücherei Ravensburg mit amtlichem Stempel  ausgeschiedene Biografie von Deirdre Blair über Samuel  Beckett, einer meiner Lieblingsschriftsteller. Wieso denn  ausgeschieden, ein Buch, das jeder Intellektuelle gelesen  haben müsste? Ein Ausleihzettel auf der hintersten Seite  macht die Sache nachvollziehbar: Das Buch wurde  während mehreren Jahren nur ein Mal ausgeliehen.  (Rückgabe spätesten 21. Juli 1995). Steht da zuoberst  abgestempelt auf einer 17 Zeilen umfassenden Lineatur.  Oder ist es schon der 5. Zettel, der da eingeklebt wurde?  Als Krimi-Versierter muss ich sagen, dass ich keine Spuren  einer vorgängig stattgefundenen Einklebung entdeckt  habe. Hitlers „Mein Kampf“g wurde sicher öfter  ausgeliehen, war natürlich auch weniger dick.   Mit der Rowohlt-Monografie, die ich zwischen die Beckett-  Literatur gesteckt habe, ist dieses Werk, das 800 Seiten  umfasst, nicht zu vergleichen. Diese Blair ist ein Genie –   ich nehme an, dass es keine bedeutendere Beckett-  Biografie gibt -, sie weiss einfach alles über Becketts  Leben. Das rührt daher, dass sie als erste überhaupt von  Beckett als Biografin anerkannt und von ihm persönlich  unterstützt wurde bis zu seinem Tod. Beckett hatte schon  in die Dutzend gehende Versuche anderer abgewiesen.  Schon der Brief, den die junge Doktorandin  Beckett,  ohne ihn persönlich zu kennen, geschickt hatte, und zu  einer Einladung führte, musste ein Meisterwerk gewesen  sein. Diese akribische Dokumentation seines ganzen  Lebens, die auch das ganze familiäre und zeit-  genössische Umfeld umfasst, lässt uns sozusagen Wo-  che für Woche am wachsenden und auch verzweifelnden  Leben des Menschen und Autors Beckett mit zuneh-  mendem Respekt vor dieser ausserordentlich begabten  Schriftstellerin, die nie langweilig und nichts sagend wird,  teilnehmen. Diese Biografie liest sich wie einer der  spannendsten Romane, die man je gelesen hat. Bair  muss alle Briefe, die Beckett je geschrieben hat, gelesen  haben, sie muss seine Freunde und Bekannten  stundenlang befragt haben, wie könnte man sonst  schreiben: «Auch er (Beckett), so stellte er fest, konnte  auf die Feinheiten gesellschaftlicher Konventionen  verzichten. Es war ihm möglich, so viel an Geselligkeit zu  geniessen, wie er wollte, ohne seine Distanziertheit zu  verlieren. Mit der Zeit vervollkommnete er diese Haltung,  die ihn gewissermassen unverletzlich machte, in einem  Masse, das Joyce bei weitem übertraf.» Manchmal denkt  man als Leser, da muss es doch sicher Leerstellen  gegeben haben, die man nur mit Hilfe eines Quentchens  Phantasie überbrücken konnte. Dennoch beginnt man nie  an der Aufrichtigkeit und Integrität der Autorin zu zweifeln.  Wenn ich ein gutes Gedächtnis hätte, könnte ich ohne  weiteres behaupten, dass ich Becketts Leben in all  seinen Facetten besser kenne als mein eigenes. Dank  Deidre Bair. Aber so wie die Sache steht, reizt es mich  immer wieder von neuem, in diesem ausserordentlichen  Werk zu lesen, ich habe es dort deponiert, wo man früher  die Lexiken hingelegt hat um bei einer wohlbekannten  Auszeit ein bisschen zu blättern.  Was mir anbetracht all dieser genannten Biografien  aufgefallen ist, dass nicht einer der Porträtierten, sei er  Künstler, Komponist oder Dichter, davon gesprochen hat,  dass er mit seinem Hand- oder Geisteswerk viel Geld  verdienen möchte.   Das steht doch in einem bedeutsamen Gegensatz zu den  Ergebnissen einer Umfrage an einer zeitgenössischen  Kunstausbildungs-Stätte in der Schweiz (sic!), in der sich  herausstellt, dass eine Mehrzahl der Studenten diesen  Weg gewählt hat, um Geld zu verdienen und reich zu  werden. Na ja, auch das geht, wenn man Glück hat. Man  sollte nicht nur von der unausweichlichen Erderwärmung  sprechen, es gibt da offensichtlich auch eine schlei-  chende Geisteserwärmung mit weit reichenden Folgen,  vermute ich. Mit dem Begriff der Erwärmung melden sich  auch Begriffe aus der kulinarischen Welt an: ausgekocht,  abgekocht, ungekocht und ähnliche. Diese Kunstjünger  würden sich vielleicht besser dem Gastgewerbe  zuwenden ...  PS: Ich möchte ganz und gar nicht den Eindruck  erwecken, ich hätte was gegen Fussball. Nur ein Olli  Kahn interessiert von der Persönlichkeit her nicht  sonderlich, aber Zidanes oder Messis Gedanken zum  Fussball nehme ich gerne zur Kenntnis. Ich habe Javier  Marias Prosastücke über seinem Lieblingsverein Real  Madrid und auch die Gedanken des Wissenschafts-  theoretikers Paul Hoyningen  zum Fussballspiel, mit de-  nen ich voll übereinstimme, mit Gewinn gelesen.  So wenig habe ich gegen Pop, - nur ist mir halt Mick  Jagger nicht entgegenkommend sympathisch. Hingegen  habe ich John Lennons Gedichte schon vor 30 Jahren  gelesen. Neulich habe ich mein Urteil über Udo Jürgens  etwas revidieren müssen: Das ist ein ganz heller Kopf,  musste ich, nach dem Lesen seines Standpunktes  zur  Religiosität,  zur Kenntnis nahmen. Seine Musik gefällt  mir deswegen nicht viel besser als zuvor. Kopf und Herz  wachsen nicht am selben Holz.  Biografisches